Datum: 15.12.2021

Geometrische Produktspezifikation - ISO GPS: mittelfristig notwendig

Thomas Röper betreut als technischer Berater die Bundesfachgruppe Feinwerkmechanik im Bundesverband Metall. Ein Schwerpunktthema seiner Arbeit ist die Geometrische Produktspezifikation (GPS). Der Metallverband sprach mit ihm über Hintergründe, Relevanz und Perspektiven sowie weiteren Themen für die Feinwerkmechanik.

Geometrische Produktspezifikation - ISO GPS: mittelfristig notwendig

Herr Röper, Sie sind seit einem Jahr für den Bundesverband Metall tätig.  Das Thema Geometrische Produktspezifikation steht auf Ihrer Agenda. Aus welchen Gründen ist das Thema aktuell?

Internationale und nationale Normungsgremien erarbeiten bereits seit über 20 Jahren einen Standard zur eindeutigen Beschreibung geometrischer Merkmale von Werkstücken. Die Geometrische Produktspezifikation (GPS) ist das größte regelbasierte Normensystem der ISO und vielen Handwerksbetrieben bislang unbekannt, wird aber mittelfristig ein Thema für sie.

ISO GPS bietet komplexe Tolerierungsgrundsätze, -prinzipien und -regeln, deren Befolgung zu einer grundlegenden Änderung in der Erstellung von CAD-Modellen und -Zeichnungen führt. Neben diesen Grammatikregeln bringt die „Konstruktionssprache“ aber auch neue Vokabeln (Symbole) mit sich.

Trotz der jahrzehntelangen Normungsarbeit und der Vorteile, die sich aus der Implementierung ergeben können, ist ISO GPS den meisten Industrie- und Handwerksbetrieben bisher völlig unbekannt.

Zu meinen Schwerpunktthemen zählt ISO GPS vor allem deshalb, weil die betriebliche Einführung eine mittelfristige Notwendigkeit ist. CAD-Software-Häuser erweitern ihre Produkte um die notwendigen Symbole und Funktionen. Die industriellen Big Player Deutschlands beschäftigen sich intensiv mit der Implementierung. Unterdessen werden relevante Normen sukzessive hinsichtlich GPS-Konformität geprüft, geändert oder zurückgezogen.

Welche Vorteile bringt Ihre Arbeit an der ISO GPS für die Feinwerkmechaniker?

Ich engagiere mich im deutschen Normenausschuss NA 152-03-02 AA „CEN/ISO Geometrische Produktspezifikation und -prüfung“, damit die Feinwerkmechaniker im Metallhandwerk vom Praxiseinzug des ISO-GPS-Systems nicht überrascht werden.

Als Mitglied im Ausschuss erhalte ich einerseits alle Informationen aus erster Hand. Andererseits nehme ich Einfluss auf das Normungsgeschehen – immer mit dem Ziel die Interessen des Metallhandwerks zu adressieren und die bereits bestehende Komplexität nicht noch weiter anwachsen zu lassen. Insofern bin ich für den Bundesverband Metall Informationsdrehscheibe und Frühwarnsystem zugleich. Davon sollen die Mitgliedsbetriebe profitieren.

Im November 2021 fand der ISO GPS-Kongress statt. Sie waren als Referent mit dabei. Welche Neuigkeiten gab es dort?

Auf dem ISO GPS News-Meeting 2021, dem größten ISO GPS-Kongress Europas, wurde der aktuelle Stand der GPS-Normung präsentiert und der Austausch mit Anwendern aus den Bereichen Konstruktion und Messtechnik gesucht und gefunden.

Von besonderer Relevanz für das Metallhandwerk war dabei die Anwendung der neuen Allgemeintoleranzen gemäß DIN EN ISO 22081 in Verbindung mit DIN 2769. In einem Gemeinschaftsvortrag mit Frau Prof. Sophie Gröger (TU Chemnitz) durfte ich auf den kurzfristig anstehenden Rückzug (vsl. Q1/2022) der DIN ISO 2768-2 hinweisen. Der zuletzt im Jahr 1991 aktualisierte Standard für Allgemeintoleranzen für Form und Lage ist nonkonform mit dem ISO GPS-System.

Wer die neuen Allgemeintoleranzen nach DIN EN ISO 22081 verwenden möchte, muss sich zwangsläufig mit ISO GPS beschäftigen. Der Grundsatz des Aufrufens (DIN EN ISO 8015:2011) besagt zudem, dass die Verwendung eines Teils des GPS-Systems automatisch zur Gültigkeit des gesamten GPS-Systems führt. So gesehen sind die neuen Allgemeintoleranzen eine Chance zum Einstieg in das Thema ISO GPS.

Was können Sie den Betrieben empfehlen, auf was sollten sie sich einstellen?

Ich empfehle ein gelassenes Ernstnehmen der Thematik. Die Komplexität von ungefähr 150 zusammenhängenden Normen bringt zwei Aspekte mit sich: Relevanz und Abschreckung. Spätestens mit den neuen Allgemeintoleranzen wird die Relevanz von ISO GPS für den Unternehmer unmittelbar spürbar. Der abschreckenden Wirkung ist sich der deutsche Normenausschuss bewusst. Daher erarbeiten meine Normungskollegen und ich einen Einführungsstandard, der den Einstieg erleichtern soll.

Neben der Einordnung des Themas innerhalb der Unternehmensprioritäten, ist in den nächsten Monaten und Jahren vor allem der praxisgerechte Umgang mit der Reformation der Allgemeintolerierung wichtig. Bis zur vollständigen Implementierung von ISO GPS in Handwerk und Industrie ist in der Angebotsphase zu klären, ob nach ISO GPS oder historischer Norm spezifiziert und verifiziert werden soll. Identisch verhält es sich mit den Allgemeintoleranzen. Auftraggeber und -nehmer können sich auf die Verwendung der historischen Allgemeintoleranzen für Form und Lage nach DIN ISO 2768-2 verständigen. In diesem Fall sollte ein datierter Verweis im Schriftfeld der Zeichnung erfolgen: „Allgemeintoleranzen für Form und Lage gemäß DIN ISO 2768-2:1991-04“.

Welche weiteren Schwerpunkte bestimmen derzeit Ihre Fachgruppenarbeit für die Feinwerkmechanik? Was planen Sie für die Zukunft?

Getrieben durch die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen, wie Lieferengpässe und steigende Energiepreise, setze ich mich im ZDH-Arbeitskreis „Handwerkliche Zulieferer“ für die Belange der Zulieferer im Metallhandwerk ein. Wir haben uns das Ziel gesetzt einen Zukunftspakt der Zulieferbetriebe im Handwerk zu schließen und ein Strategiepapier zu formulieren.

Aktuell beschäftigt mich zudem die Überführung der Maschinenrichtlinie (Produktsicherheitsrichtlinie 2006/42/EG über Maschinen) in eine EU-Verordnung. Daneben befasse ich mich mit Trendthemen wie 3D-Druck und KI sowie (agilem) Projektmanagement.

Für die Zukunft plane ich eine Erweiterung meiner eigenen Expertise – vor allem im Themenbereich ISO GPS. Außerdem habe ich mir auf die Fahne geschrieben ein noch breiteres Interesse für die Fachgruppenarbeit der Feinwerkmechaniker zu generieren. Dafür braucht es grundsätzlich nur drei Komponenten: relevante Themen, motivierte Experten und geeignete Werbetrommeln.

Kontakt:

Thomas Röper, B. Eng.

Technischer Berater in der gewerbespezifischen Informationstransferstelle
beim Bundesverband Metall in Essen

Telefon: +49 (0)201 / 89619-35
E-Mail: thomas.roeper(at)metallhandwerk(.)de