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Präsidentenbrief zu flexiblen Arbeitszeiten

Liebe Mitglieder, liebe Metallerinnen und Metaller,

weniger arbeiten bei gleichem Output? Die Vier-Tage-Woche kursiert derzeit verstärkt durch Medien und Parteien. So soll uns schmackhaft gemacht werden, weniger zu arbeiten ist ja auch schön. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung von Mai dieses Jahres zeigt, dass sich 81 Prozent der Vollzeitbeschäftigten eine Vier-Tage-Woche wünschen. Knapp 73 Prozent geben dabei an, eine Arbeitszeitverkürzung nur bei gleichem Lohn zu wollen. Nur acht Prozent der Erwerbstätigen würden ihre Arbeitszeit auch reduzieren, wenn dadurch das Entgelt geringer ausfiel. 17 Prozent der Befragten lehnen eine Vier-Tage-Woche ab, zwei Prozent haben ihre Vollzeittätigkeit bereits auf vier Tage verteilt. Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit in vier Tagen statt eines Acht-Stunden-Tages? Anfreunden kann ich mich damit nicht, denn es kann – so zumindest sagt mir das mein gesunder Menschenverstand – hier nicht ansatzweise aufgehen, dass weniger Arbeitsleistung mehr einbringt. Allein schon vor dem Hintergrund des dramatischen Facharbeiterbedarfs bedeutet das für mich eine gegenläufige Entwicklung für unsere Metallhandwerksbetriebe, die nicht gut gehen kann. Für mich ist das eine Milchmädchen-Rechnung, die zumindest in unserem System so nicht aufgeht.

Aber ja, lasst uns drüber reden. Vielseitige Arbeitszeitmodelle finden in den Unternehmen der Metallbranche ja schon statt. Doch auch nur, weil die Betriebe wegen ihrer Produktionsmöglichkeiten in der Massenfertigung oder im Dienstleistungsbereich ihre hohe Ertragskraft halten können. Sie bilden aber keinen Querschnitt durch das Metallhandwerk, sondern sind Ausnahmeerscheinungen, in unserem Metallhandwerk. Zumal getroffene Zusatzvereinbarungen wie Urlaubsreduzierung oder ähnliche Kompensationen der Öffentlichkeit verschwiegen werden. Was ist mit den Spezialbetrieben, den kleineren Handwerks- und Mittelstandsbetrieben? Da darf eine Arbeitszeitverkürzung nicht zu Lasten der Unternehmen gehen, die sowieso schon wegen drastisch gestiegener Löhne und erdrückenden Lohnnebenkosten unter Druck stehen und unser Gewerk noch weiter ins Abseits drängen.

Die Zeiten haben sich geändert. Gut so. Gut, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Kumpel unter Tage körperlich ausgebeutet wurden. Wie gut, dass mit der Einführung von Gewerkschaften und Sozialversicherungen vor über 150 Jahren die ersten Schritte zum Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegangen wurden. Wie gut, dass den nachfolgenden Generationen langsam, aber stetig ein Weg bereitet wurde, der in Ansätzen eine Work-Life-Balance und eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Und wie schön ist es, wenn jemand Arbeit nicht als Arbeit empfindet. Doch bei allem Wohlstandsdenken und individueller Entfaltung dürfen wir nicht vergessen: Arbeit, in welcher Form auch immer, ist der einzige Weg, wie wir unseren Wohlstand sichern können. Ohne Leistung kein Lohn. Ohne Produktion kein Umsatz. Und das Handwerk produziert nun einmal. Noch dazu bietet es mit all seinen technologischen Entwicklungen durchaus tolle Berufe, die – ja – auch Spaß machen können. Stolz sein zu können auf das Geschaffene – gerade dieser Werkstolz ist eine Stärke der Handwerksberufe. Und mit Blick in die Zukunft sollten wir vielleicht erkennen, dass nicht alles durch Digitalisierung und KIs erledigt werden kann, sondern ein gesundes Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine im Auge behalten werden muss.

In Island gibt es seit 2021 das Recht auf eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn. Vielleicht mag das in einem kleinen Land mit knappen 380.000 Einwohnern und einem überschaubaren Sozial- und Steuersystem funktionieren. Aber bei uns in Deutschland sehe ich das problematisch. Auch das Argument, dass eine Vier-Tage-Woche neue Arbeitsplätze schafft, lasse ich so pauschal nicht gelten. Das tut es ganz sicher, aber eben in Ländern, in denen die Menschen heute schon zwischen 45 und 50 Stunden arbeiten. Wir dürfen die Verhältnismäßigkeit nicht aus dem Auge verlieren. Sagen sogar auch Politiker wie Martin Rosemann (SPD), der in der Vier-Tage-Woche zwar eine Chance sieht, um den Strukturwandel zu bewältigen, allerdings nur in bestimmten Branchen und zeitlich begrenzt.  Modelle wie die Vier-Tage-Woche sind nur eines vieler Beispiele flexibilisierter Arbeitszeiten und müssen sich an ihrer Wirtschaftlichkeit messen lassen. Sie dürfen nicht zu Lasten unseres Wohlstandes und derer gehen, die diesen Wohlstand mit Einsatzfreude, Fleiß und Können erarbeiten.

Willi Seiger

Präsident des Bundesverbandes Metall

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