Der nunmehr angenommene Schlussentwurf der neuen ISO 2768 passt die bekannten Allgemeintoleranzen an das ISO-GPS-System an, schränkt jedoch ihren Anwendungsbereich deutlicher ein. Betriebe sollten bei ihrer Anwendung künftig genauer hinsehen.
Bei der ISO 2768-1 handelt es sich um ein Werkzeug, das in unzähligen Zeichnungen und Werkstätten täglich gebraucht wird. Als im ISO/TC 213 ihre Zurückziehung diskutiert wurde, hat der Bundesverband Metall in Zusammenarbeit mit Small Business Standards für ihren Erhalt gekämpft.
Der Kompromiss: Die vertrauten Tabellen bleiben, die Norm wird an das ISO-GPS-System angepasst. Der Schlussentwurf ISO/FDIS 2768 ist angenommen. ISO 2768 befindet sich in Veröffentlichung.
Bekannte Zahlen, engerer Anwendungsbereich
Die vier Klassen f, m, c und v und die Toleranzwerte für lineare und Winkelgrößenmaße bleiben erhalten. Das klingt nach Kontinuität. Entscheidend ist jedoch, worauf ein Wert angewendet werden darf. Die neue ISO 2768 gilt nur für lineare Größenmaße und Winkelgrößenmaße mit Nennmaß, aber ohne individuelle Toleranz. Abstände, Lochabstände und Stufenmaße sind keine Größenmaße und fallen nicht mehr darunter. Gleiches gilt für theoretisch exakte Maße und Hilfsmaße. Auch die Tabelle für gebrochene Kanten, Radien und Fasen entfällt.
Mehr ISO GPS, mehr Verantwortung
Die Überarbeitung ordnet ISO 2768 ausdrücklich in das ISO-GPS-System ein und verweist auf ISO 8015, die Reihe ISO 14405 und ISO 22081. Mit ISO 22081 können die bekannten Werte für eine allgemeine Größenmaßspezifikation genutzt werden. ISO 22081 regelt zudem allgemeine geometrische Spezifikationen mithilfe der Flächenprofiltoleranz in einem vollständigen Bezugssystem. DIN 2769 liefert zusätzliche Tabellenwerte. Die Dokumente sind nicht austauschbar: ISO 2768 liefert Größenmaßtoleranzen, ISO 22081 das Anwendungskonzept und DIN 2769 weitere nationale Werte.
Auch bei Konformitätsbewertung und Zurückweisung ändert sich etwas. Die bisherige Regel, nach der ein nicht konformes Werkstück trotz Überschreitung einer Allgemeintoleranz nicht zurückgewiesen werden sollte, solange keine Beeinträchtigung seiner Funktion nachgewiesen war, wurde gestrichen. Der informative Anhang B.4 der neuen ISO 2768 stellt klar: „Entsprechend dem ISO-GPS-System ist ein Teil nur dann konform, wenn es alle festgelegten Anforderungen erfüllt“. Gemeint sind die in der Technischen Produktdokumentation einschließlich der allgemeinen Spezifikationen festgelegten Anforderungen. Etwaige Ausnahmen sollten in der TPD, im Vertrag oder in einem anderen offiziellen Dokument zwischen Kunde und Lieferant festgehalten werden – eine technische Hausaufgabe für Konstruktion, Einkauf und Qualitätssicherung.
Die offene Flanke: alte Zeichnungen
Hier setzt die berechtigte Kritik aus der Schweiz an. Das Spiegelgremium erkennt die Annäherung an ISO GPS an, warnt aber vor undatierten Angaben wie „ISO 2768-m“. Unter derselben Normnummer kann eine alte Zeichnung plötzlich anders gelesen werden: Werte bleiben gleich, ihr Anwendungsbereich nicht. Das berührt Ersatzteile, Lieferverträge und Prüfpläne. Das Gremium verlangte eine Lösung für Bestandsunterlagen und legte Einspruch ein. Auch Österreich und Schweden stimmten beim FDIS dagegen; Deutschland stimmte zu. Der Schlussentwurf wurde mit 17 von 20 gezählten teilnehmenden Mitgliedern angenommen.
Eingewandt wird, die alte Ausgabe heiße ISO 2768-1, die neue ISO 2768; ein Verweis auf Teil 1 könne eindeutig bleiben. In Schriftfeldern stehen jedoch oft verkürzte Angaben. Diese Lücke zwischen korrekter Bezeichnung und gelebtem Bestand macht pauschale Antworten gefährlich. Altzeichnungen sollten nicht automatisch nach der neuesten Ausgabe interpretiert werden. Die anzuwendende Ausgabe gehört im Zweifel in Vertrag, Bestellung oder technische Klärung.
Wann erscheint die Norm?
Die ISO 2768 befindet sich seit 2. Juni in der ISO-Publikationsphase. Die von ISO genannte Produktionsdauer von bis zu sieben Wochen ist bereits überschritten. Auch EN ISO 2768 und die endgültige DIN EN ISO 2768 sind noch nicht erschienen. Für die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe erscheint derzeit das vierte Quartal 2026, am ehesten November oder Dezember, für wahrscheinlich. Bei weiteren redaktionellen, europäischen oder nationalen Verzögerungen ist das erste Quartal 2027 plausibel.
Was KMU jetzt tun sollten
Der Nutzen entsteht nicht durch einen neuen Eintrag im Schriftfeld, sondern wenn Konstruktion, Fertigung, Einkauf und Prüfung dasselbe Merkmal gleich verstehen. Dann können Rückfragen, unbeabsichtigt enge Forderungen und Abnahmestreit abnehmen. Betriebe sollten CAD- und Zeichnungsvorlagen prüfen, Normverweise datieren, undatierte Altbestände nach Risiko ordnen und Verantwortlichkeiten für Erstellung, Prüfung und Freigabe festlegen. Kunden und Lieferanten sind früh einzubeziehen; Änderungen gehören dokumentiert.
Seminarangebote: 10.+11.11.2026
Wer nur „ISO 2768-m“ durch einen neuen Textbaustein ersetzt, hat wenig gewonnen. Entscheidend ist das Verständnis von Größenmaßen, Abständen, geometrischen Spezifikationen und Bezügen. Dieses Grundgerüst vermittelt das Online-Live-Seminar „ISO GPS: Grundlagen der Geometrischen Produktspezifikation“ am 10. November 2026.
Buchung für 10.11.2026: metallportal.de
Am 11. November 2026 folgt vertiefend „ISO GPS: Anwendung der neuen Allgemeintoleranzen nach ISO 22081“. Dort werden ISO 22081, die historische ISO 2768, DIN 2769 und die neue ISO 2768 verständlich eingeordnet und die Anwendung der neuen Allgemeintoleranzen an einem Zeichnungsbeispiel zusammengeführt.
Buchung für 11.11.2026: metallportal.de
Fazit
Die ISO 2768 ist also gerettet. Das ist ein klarer Erfolg für KMU, der durch die andauernde Normungsarbeit des Bundesverbands Metall und Small Business Standards erzielt werden konnte. ISO 2768 bleibt ein praktisches Werkzeug, aber kein Ersatz für funktionale Tolerierung und geschulte Anwender. Ihre neue Fassung kann KMU helfen, wenn sie bewusst eingeführt wird. Ohne Bestandsprüfung und klare Datierung droht jedoch ausgerechnet die Norm, die Zeichnungen vereinfachen soll, neue Mehrdeutigkeit zu erzeugen.
Autor
Thomas Röper (B.Eng.)
Technischer Berater
in der Fachberatungs- und Informationsstelle
beim Bundesverband Metall in Essen
E-Mail: Thomas.Roeper@metallhandwerk.de





