BVM-Präsident Willi Seiger: Ein Hoffnungsschimmer ist da. Ob daraus ein Aufschwung wird, entscheidet sich jetzt: am Reformkurs, an verlässlichen Regeln und daran, ob politische Entscheidungen im betrieblichen Alltag ankommen.
Der Präsident des Bundesverbandes Metall, Willi Seiger, erklärt im aktuellen Präsidentenbrief:
Unsere aktuelle Konjunkturumfrage zeigt, dass die Lage weiterhin angespannt ist. Rund 78 Prozent der Betriebe erwarten eine gleichbleibende Geschäftslage. Das ist angesichts des derzeit niedrigen Niveaus kein gutes Ergebnis. Von einem echten Aufschwung sind wir noch ein gutes Stück entfernt.
Dürfen wir also endlich aufatmen? Auf keinen Fall. Denn zur Wahrheit gehört auch: Fast jeder dritte Betrieb sagt, dass die Preise am Markt nicht ausreichen. Aufträge sind da – aber nicht jeder Auftrag trägt das Unternehmen. Material, Energie, Löhne, Sozialabgaben und Bürokratie werden nicht mit Hoffnung bezahlt.
Was nützt ein voller Auftragskalender, wenn am Ende die Kraft für Investitionen, Ausbildung und sichere Arbeitsplätze schwindet? Aus Hoffnung wird nur dann Zuversicht, wenn der Hoffnungsschimmer jetzt in den Betrieben ankommt.
Der Reformkurs darf nicht beim ersten Gegenwind enden
Die Ergebnisse des Koalitionsausschusses im Juli waren ein Lichtblick. Endlich war wieder Reformbereitschaft erkennbar: weniger Berichtspflichten, schnellere Verfahren, bessere Investitionsbedingungen und erste Schritte zu einer leistungsfähigeren Wirtschaft. Das war richtig – und längst überfällig.
Gerade deshalb irritiert mich die aktuelle Debatte über die sogenannte „Rente mit 63“ – die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren. Noch vor wenigen Wochen haben wir den Reformwillen der Bundesregierung ausdrücklich begrüßt. Jetzt droht bereits der Eindruck, dass notwendige Veränderungen wieder zur Disposition stehen. Das wäre ein fatales Signal.
Natürlich verdient die Lebensleistung von Menschen Respekt, die jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet haben. Aber Fachkräftesicherung, Generationengerechtigkeit und ein tragfähiges Rentensystem verlangen auch den Mut, bestehende Regeln ehrlich zu überprüfen.
Unsere Betriebe brauchen keine politischen Pendelbewegungen. Sie brauchen Verlässlichkeit. Wer jeden Reformschritt beim ersten Widerstand zurücknimmt, gefährdet das Vertrauen, dass Deutschland überhaupt noch zu grundlegenden Veränderungen fähig ist.
Das Arbeitszeitgesetz ist der nächste Prüfstein
Dasselbe gilt für die angekündigte Reform des Arbeitszeitgesetzes. Flexible Wochenarbeitszeiten sind kein Angriff auf den Arbeitsschutz. Sie sind eine notwendige Antwort auf die Realität unserer Betriebe und ihrer Beschäftigten. Montageeinsätze, Auftragsspitzen, Wetterlagen und Kundenanforderungen halten sich nicht an starre Acht-Stunden-Schemata. Die Möglichkeit einer wöchentlichen statt einer täglichen Höchstarbeitszeit schafft Flexibilität, ohne den Arbeits- und Gesundheitsschutz aufzugeben. Unsere Betriebe wollen keine Arbeit ohne Grenzen. Sie wollen Regeln mit Vernunft. Eine moderne Arbeitszeitgestaltung erleichtert die Organisation auf Baustellen, stärkt die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und macht Unternehmen attraktiver für Fachkräfte. Diese Reform darf nicht erneut vertagt werden.
Öffentliche Investitionen müssen den Mittelstand erreichen
Auch bei den angekündigten Investitionen entscheidet nicht die Summe auf dem Papier, sondern die Wirkung vor Ort. Eine Haushaltszahl baut keine Brücke, saniert keine Schule und modernisiert keine Werkhalle. Unsere Betriebe können planen, konstruieren, fertigen und montieren. Sie brauchen aber auch eine faire Chance, öffentliche Aufträge zu erhalten. Werden Ausschreibungen immer größer und Verfahren immer komplizierter, profitieren am Ende häufig nur wenige große Anbieter. Qualität hat ihren Preis. Sicherheit hat ihren Preis. Ausbildung hat ihren Preis. Und regionale Verlässlichkeit hat einen Wert.
Der regionale Mittelstand darf nicht zum Zuschauer staatlicher Investitionen werden. Öffentliche Aufträge müssen so zugeschnitten sein, dass auch regionale Handwerksbetriebe sie übernehmen können. Verfahren müssen einfacher werden, unnötige Nachweise entfallen – und neben dem Preis müssen Qualität, Ausbildung und regionale Verlässlichkeit zählen.
Entlastung muss im Betriebsalltag spürbar werden
Dauerhaft hohe Energie- und steigende Lohnkosten, immer neue Dokumentationspflichten erschweren die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe im internationalen Vergleich. Der Umbau unserer Wirtschaft kann nur gelingen, wenn kleine und mittlere Unternehmen ihn wirtschaftlich tragen können. Auch hierfür sind Finanzierungsmodelle für KMU dringend erforderlich. Unsere Betriebe investieren längst in digitale Prozesse und künstliche Intelligenz – bei Kalkulation, Konstruktion, Fertigung und Verwaltung. Gerade deshalb dürfen neue Vorgaben nicht zu neuen Bürokratielasten führen. Kleine Betriebe brauchen verständliche, praktikable Regeln und Rechtssicherheit.
Unsere Berufe sind Zukunftsberufe
Zum Start des neuen Ausbildungsjahres richtet sich der Blick auf die Fachkräfte von morgen. Viele Betriebe wollen ausbilden. Doch noch immer finden zu wenige junge Menschen den Weg in das Metallbauer- und Feinwerkmechanikerhandwerk. Unsere Berufe haben kein Zukunftsproblem. Sie haben ein Wahrnehmungsproblem.
Metallbauer und Feinwerkmechaniker arbeiten mit digitaler Konstruktion, automatisierten Fertigungsanlagen, moderner Schweißtechnik, Robotik und künstlicher Intelligenz. Sie verbinden Präzision mit Kreativität – und sehen am Ende des Tages, was sie geschaffen haben. Welcher Beruf kann das von sich behaupten? Deshalb ist es wichtig, dass wir jede Gelegenheit aktiv nutzen, um junge Menschen im Rahmen von regionalen Berufsorientierungsmaßnahmen anzusprechen und für unsere Berufe zu begeistern.
Auskömmliche Preise, faire Vergaben, bezahlbare Energie, moderne Arbeitszeiten, weniger Bürokratie und starke berufliche Bildung gehören zusammen. Sie entscheiden darüber, ob aus Stabilität wieder Wachstum wird. Ein Hoffnungsschimmer reicht nicht. Unsere Betriebe haben ihren Teil längst geleistet. Sie investieren. Sie bilden aus. Sie übernehmen Verantwortung. Jeden einzelnen Tag. Jetzt ist die Politik am Zug. Was es jetzt braucht, sind weniger Ankündigungen und mehr Umsetzung, weniger Misstrauen und mehr unternehmerischer Spielraum – und vor allem den Mut, Reformen wirklich zu Ende zu bringen.
So wird aus Hoffnung Zuversicht. Und so kommt der Aufschwung dort an, wo er gebraucht wird: in unseren Werkstätten, auf unseren Baustellen und bei den Menschen, die jeden Tag Zukunft aus Metall schaffen.
Willi Seiger
Präsident des Bundesverbands Metall




